Sollen Christen nach der jüdischen Auslegung der 613 Mizwot der Torah leben?

 

Zu allererst müssen wir uns klar sein, dass die 613 Mizwot, die Gebote und Verbote darstellen, welche die Juden in der Torah gefunden haben. Es heisst nicht, dass diese Zahl vollständig ist. Es könnten mehr sein, es können aber auch weniger sein. Um alle mosaischen Gebote Gottes zu erfassen, müssen wir die Torah lesen und danach Ausschau halten. Aber die 613 Mizwot sind ein sehr guter Anfang auf dem Weg alle Gebote Gottes in der Torah verstehen zu lernen.

 

Die Auseinandersetzung mit den jüdischen Gesetzen ist ausschlaggebend wichtig, da gerade in heutiger Zeit viele Christen ihre Zugehörigkeit zum heiligen Volk Israel neu entdecken und glauben, sie müssen nach den mosaischen Gesetzen leben, gerade so, als wäre Jesus nicht gekommen. Sie orientieren sich sehr stark am rabbinischen Judentum der Pharisäer, weil sie denken, dieses repräsentatieren eine Torah- treue Lebensweise.

 

Betrachten wir das moderne jüdische Leben so finden wir zahlreiche bis ins kleinste Detail präzisierte Gebote und Verbote. Einige dieser Gebote haben keinerlei Grundlage in den mosaischen Geboten der Torah

 

Ein Beispiel eines solchen Gebotes ist das Gebot für Männer sein Haupt zu bedecken. Orthodoxe Juden tragen immer eine Kippah oder eine andere Kopfbedeckung. Diese Tradition geht auf den Rabbiner Huna ben Jehoshua zurück, welcher im 5. Jahrhundert lebte. Im Talmud (Einer Sammlung jüdischer Gesetzesauslegungen) ist festgehalten, dass Rabbi Huna ben Jehoshua zu sagen pflegte: "Ich bin nie vier Ellen weit mit unbedecktem Kopf gegangen, denn Gott wohnt über meinem Kopf." (Babylonischer Talmud, Kidduschin 31a).

 

Die Meisten Gebote und Verbote, welche die modernen, orthodoxen Juden heute halten haben jedoch ihre Grundlage in den 613 in der Torah fesgehaltenen Gesetzen Gottes, den sogenannten Mizwot. Diese Mizwot und insbesondere deren Auslegung bestimmen das jüdische Leben komplett.

 

Im Judentum unterscheidet man zwischen dem schriftlichen Gesetz und dem mündlichen Gesetz. Beim schriftlichen Gesetz handelt es sich um die 613 in der Torah niedergeschriebene Gesetze Gottes. Beim mündlichen Gesetz hingegen um eine Sammlung von Auslegungen betreffend der Umsetzung dieser 613 Gesetze welche im Talmud zusammengefasst werden. Im Talmud findet man die Gesetze der Mischna und der Gemara. Die Mischna-Gesetze sind älter und durch die Texte im Neuen Testament wissen wir, dass sie schon zur Zeit Jesus befolgt wurden. Niedergeschrieben wurden sie jedoch erst im 2. Jahrhundert.

 

Nach jüdischer Tradition wurde Mose am Berg Sinai sowohl das schriftliche Gesetz, die Tora als auch das mündliche Gesetz gegeben. Das mündliche Gesetz wurde jedoch von Generation zu Generation nur mündlich weitergegeben bis zur Zeit des babylonischen Exils. In dieser Zeit befürchteten die Juden, diese mündlichen Auslegungen der Torah würden verloren gehen und so wurden sie endlich aufgeschrieben.

 

Als Christen müssen wir aber anhand der Bibel stark in Zweifel ziehen ob dieses mündliche Gesetz tatsächlich von Gott ist.

 

Während im alten Testament klar beschrieben und sehr häufig betont wird, dass Mose das schriftliche Gesetz, die Torah, direkt von Gott erhalten hat, ist vom mündlichen Gesetz nirgendwo die Rede. Im neuen Testament wird hingegen das mündliche Gesetz als Überlieferung der Väter häufig genannt. Jedoch durchwegs negativ.

 

Hier kommen wir auf eines der schlimmsten Missverständnisse einiger Christen zu sprechen. Manche Christen glauben, dass die Streitgespräche von Jesus mit den Schriftgelehrten daher rühren, dass Jesus das strenge Leben nach den mosaischen Gesetzen generell kritisiert hatte. Wer das Neue Testament jedoch vorsichtig liest bemerkt schnell, dass Jesus das mosaische Gesetz äusserst genau befolgt hat. Jesus zeigt uns, dass das Gesetz teilweise sogar noch wesentlich schärfer verstanden werden muss, als es zu der damaligen Zeit üblich war

 

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr! Der Hölle des Feuers verfallen sein wird. (Matthäus 5:22)

 

Der Streitpunkt zwischen Jesus und einigen Schriftgelehrten war nicht das schriftliche Gesetz, nicht die Torah. Es war das mündliche Gesetz. Jesus nannte es die Überlieferung der Väter. An zahlreichen Stellen ist uns dieser wesentliche Streitpunkt überliefert. Dabei ist festzuhalten, dass Jesus nie sagte, dass die mündlichen Überlieferungen schlecht wären. Er kritisierte aber, dass die Schriftgelehrten sich stärker an die mündlichen Gesetze halten als an das schriftliche Gesetz. Um ihre menschgemachten Gebote zu halten übertreten sie die Gebote Gottes:

 

Treffend hat Jesaja über euch Heuchler geweissagt, wie geschreiben steht: "Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren." Ihr gebt das Gebot Gottes preis und haltete die Überlieferungen der Menschen fest. (Markus 7:8)

 

Dies hatten auch die ersten Christen so verstanden. Paulus schreibt:

 

Denn ihr habt von meinem früheren Verhalten im Judentum gehört, dass ich die Gemeinde Gottes über die Massen verfolgte und sie zu vernichten suchte und im Judentum mehr Fortschritte machte als viele Artgenossen in meinem Volk; ich war ja für meine überkommenen väterlichen Überlieferungen in viel höherem Mass ein Eiferer. (Galater 1:14)

 

Wäre Paulus ein Eiferer für das Gesetz Gottes gewesen, wäre das etwas völlig anderes gewesen. Doch er war ein Eiferer für die überkommenen väterlichen Überlieferungen, das menschengemachte mündliche Gesetz.

 

Jesus hat mit den Schriftgelehrten gestritten, weil diese das mündliche Gesetz über das schriftliche Gesetz stellten. Sie werteten menschengemachte Gebote höher als die Gebote Gottes. Obwohl die Schriftgelehrten sahen, dass Jesus erfüllte was vom kommenden Messias vorausgesagt und erwartet war, lehnten sie seinen messianischen Anspruch ab, weil Jesus öffentlich die Einhaltung des mündlichen Gesetzes kritisierte. Die Schriftgelehrten waren so erzürnt, dass sie ihn umbringen wollten. Interessant ist an dieser Stelle, dass sie um ihn verurteilen und kreuzigen zu können mindestens 22 ihrer eigenen, menschgemachten, mündlich überlieferten Gesetze brechen mussten. Wer dieses Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich das Buch "Das Leben des Messias" von Arnold G Fruchtenbaum.

 

Wir sehen also, als Christen können wir der jüdischen Tradition nicht Glauben schenken, wordurch die mündlichen Gesetze zusammen mit den schriftlichen Gesetzen dem Mose am Berg Sinai von Gott gegeben worden sein soll. Einerseits weil dies niemals erwähnt wird im alten Testament und andererseits weil Jesus als auch Paulus die väterlichen Überlieferungen als menschgemachte Gebote bezeichnen und die Umsetzung stark kritisieren.

 

Es gibt jedoch eine einfache Erklärung, wie das mündliche Gesetz entstanden ist, warum es den Schriftgelehrten so wichtig war und warum das moderne Judentum das mündliche Gesetzt heute als von Gott gegeben anerkennt.

 

Die Entstehung des mündlichen Gesetzes ist gut nachvollziehbar und wenn wir ehrlich sind gibt es dieses Phänomen auch in unseren christlichen Gemeinden. Da sind die Gebote Gottes, von denen wir lesen, uns aber zumeist nicht ganz sicher sind wie wir sie halten sollen. In unseren heutigen Kirchen finden wir zahlreiche unterschiedliche Auslegungen und insbesondere auch eine Auswahl und individuelle Gewichtung der Gebote Gottes. Dies führt dazu, dass sich die Kirchen im Bezug auf ihr Glaubensleben und ihre Prioritäten in vielen Punkten unterscheiden. Das jüdische Volk hat das Gesetz Gottes genauso versucht auszulegen und richtig zu verstehen. Im Gegensatz zu uns haben sie aber nicht eine Auswahl an gültigen Gesetzen getroffen und den Rest für ungültig erklärt.

 

Wie entstanden nun also aus den 613 Gesetze Gottes mehrere tausend mündlich überlieferte Gesetze? Diesen Prozess können wir am besten mit dem Bild eines Zaunes veranschaulichen. Die Übertretung vieler Gebote Gottes hatte zog schwere Strafen nach sich. Unter anderem aus diesem Grund wollten die Juden tunlichst vermeiden ein Gebot zu brechen. Um sich also vor der Übertretung eines von Gott gegebenen Gebotes zu schützen verfolgten sie die sogenannte "Zauntheologie". Sie erliessen weitere mündliche Gebote umd sich davor zu schützen auch nur in die Nähe einer Übertretung des Gesetzes zu kommen. Sie bauten also Zäune um das ursprüngliche Gesetz. Wenn sie diese Zäune nicht übertritten, mussten sie keine Angst haben das Gesetz Gottes zu übertreten und sich einer schweren Sünde strafbar zu machen.

 

Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Mizwot im 2. Mose 23:19:

 

"Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch"

 

Gott gebietet hier ledliglich, dass das Junge eines Schafes oder einer Ziege nicht in der Milch seiner Mutter gekocht werden darf. Die jüdischen Gelehrten fürchteten sich nun aber davor das Gesetz durch Unwissenheit zu übertreten. So erliessen sie viele mündliche Gesetze, zahlreiche Zäune um das eigentliche Gesetz, um auf keinen Fall in die Nähe der Gesetzesübertretung zu kommen.

 

Schauen wir uns an, was durch diese Zauntheologie und das mündliche Gesetz aus diesem ursprünglich einfachen Gebot Gottes gemacht wurde. Heute bedeutet das für die Juden, dass sie niemals Milch und Fleisch zusammen essen. Egal von welchem Tier das Fleisch stammt und egal von welchem Tier die Milch stammt. Es geht jedoch noch weiter. Damit sich die Milch und das Fleisch nicht im Magen mischt müssen die Juden nach ihrem mündlichen Gesetz sechs Stunden warten zwischen einer milchigen und einer fleischigen Mahlzeit. Damit sich auch nicht eventuell vorhandene Resten einer fleischigen Mahlzeit mit einer milichigen Mahlzeit mischen dürfen Juden auch nicht dasselbe Geschirr benutzen für fleischig und milchig.

 

Die mündlichen Gesetze wurden also alle erlassen um dafür zu schützen in irgendeiner Art und Weise das Gesetz Gottes zu übertreten. An diesem Gedanken ist nichts auszusetzen. Auch Jesus hatte nichts daran auszusetzen. Was er kritisierte ist, dass einige Schriftgelehrte mithilfe ihrere mündlichen Gesetze die Gebote Gottes beugten und die mündlichen Gesetze höher achteten als die Gebote Gottes.

 

Auch in der Anwendung der Zauntheologie unterscheiden wir Christen uns nicht wesentlich von den modernen Juden. Auch wir halten zahlreiche mündliche Gebote und Traditionen in unserem Glaubensleben hoch, währenddem wir Gebote Gottes ohne mit der Wimper zu zucken übertreten.

 

Beispielsweise hat das Gebot Gottes keine Unzucht zu treiben einen sehr hohen Stellenwert in den Kirchen. Das Verständnis was alles als Unzucht zählt ist in den verschiedenen Kirchen sehr unterschiedlich. Als Unzucht zählt ganz klar der Ehebruch:

 

Du sollst nicht ehebrechen. (2. Mose 20:13)

 

Die Strafe für die Unzucht war der Tod. Aus der Bibel können wir entnehmen, dass auch noch weitere Sexualpraktiken als Unzucht gelten. So zum Beispiel der Geschlechtsverkehr mit einer Frau während ihrer Menstruation, Inzest, Homosexualität und Sodomie (3. Mose 18). Es gibt jedoch kein Gebot, dass Geschlechtsverkehr vor der Ehe verbieten würde. Lesen wir die Bibel aufmerksam, sehen wir jedoch, dass es Gottes Idee ist, dass die Sexualität zum Schutz des Menschen in die Ehe gehört. Dieses Thema möchte ich hier aber nicht weiter ausführen.

 

Mir geht es darum, wie heutige Christen sich ebenfalls Zäune bauen. Gerade das Thema Unzucht bietet sich dafür an. Einige christliche Traditionen schreiben den Ehepartner vor, welche Sexualpraktiken in der Ehe erlaubt sind und welche nicht. Solche Gebote können wir nicht mit der Bibel begründen. Die modernen Freikirchen stellen es als Sünde dar, wenn die Gläubigen bereits vor der Eheschliessung einen Haushalt teilen. Das ist ein Paradebeispiel eines Zauns, eines menschengemachten Gebotes. Der Grund ist klar, man befürchtet, dass dies junge Leute dazu verführen würde, vor der Eheschliessung Geschlechtsverkehr zu haben. Zum Schutz vor der Übertretung dieses Gebotes bauen die Kirche nun also Zäune, dass wir gar nicht erst in die Nähe der Übertretung kommen können. Ein weiterer Zaun in konservativen christlichen und jüdischen Gemeinden ist dann die möglichst vollständige Trennung von Frauen und Männer an Festen und während Gottesdiensten.

 

Ich betone nocheinmal. So wie ich Jesus verstanden habe hat er nichts dagegen einzuwenden, wenn man als Hilfe um dem Willen Gottes zu folgen, sich an solche menschengemachten Gesetze hält. Aber er kritisiert stark, dass man diese menschengemachten Gesetze höher gewichtet als den eigentlichen Willen Gottes. Ja, dass man sogar den Willen Gottes beugt um die menschengemachten Gesetze zu halten.

 

Wie oft übergehen wir Christen den Willen Gottes, welcher uns in verschiedenen Situationen offenbar wird. Anstelle dessen stellen wir lieber zahlreiche menschgemachten Gebote auf und verfolgen diese gesetztestreuer als die damaligen Schriftgelehrten. Im Extremfall übergehen wir sogar den Willen Gottes, um unseren menschengemachten Geboten und kirchlichen Traditionen nachzukommen.

 

Wir Christen und Juden sollen uns an das Gebot Gottes halten, nicht mehr und nicht weniger:

 

Geht nicht über das hinaus, was geschrieben steht. (1. Korinther 4,6)

 

Wir sehen also, gläubige Christen wie auch gläubige Juden machen sich gerne neue Gesetze aus verständlichen Gründen. Schnell verfangen wir uns jedoch in diesen menschgemachten Geboten und sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

 

Das mündliche Gesetz ist genau aus diesem Grund im Judentum entstanden. Über Jahrhunderte wurde es immer wichtiger und wer nicht die Torah studierte vergass was eigentlich mündliches und was schriftliches Gesetz ist. Mehr und mehr wurden beide Gesetze als von Gott gegeben betrachtet. Nach der Zerstörung des Tempels um 70 nach Christus und während die Juden im babylonischen Exil waren tauchte die Idee auf, Mose hätte auch das mündliche Gesetz am Sinai von Gott bekommen. Wir wissen, dass es dafür keinerlei biblische Grundlage gibt und dass diese Theorie den Worten Jesu direkt widerspricht. Das Judentum befand sich nach der Zerstörung des Tempels in einer Existenzkrise. Konnte es weiterexistieren, auch ohne den so zentralen Tempel? Die Lücke des Tempels schienen die mündlichen Gesetze zu füllen. Sie erfüllten das jüdische Leben wieder mit mehr Tradition und einheitlichen Geboten. So konnte die Lücke geschlossen werden und ein jüdisches Leben ohne den Tempel und vorallem ohne die Botschaft Jesu als Messias von Israel konnte weiterexistieren. Anstatt, dass die Juden die Lücke des Tempels mit Jesus füllten, füllten sie es mir ihren menschgemachten Geboten. Und einmal mehr stellen sie damit ihre menschengemachten Gebote über die Gebote Gottes, die klar auf Jesus hinweisen.

 

Die Frage ob wir Christen nach der jüdischen Auslegung der 613 Gebote Gottes leben sollten müssen wir daher mit Nein beantworten. Das jüdische Leben wird sehr stark geprägt von menschgemachten Geboten. Wir sollten tunlichst vermeiden die menschgemachten Gebote mit den Gesetzen Gottes zu verwechseln. Dasselbe gilt für die menschgemachten Geboten der Christen.

 

Christen, die sich ihrer israelitischen Identität bewusst werden, verfallen leicht in die Annahme alle mosaischen Gesetze halten und ein jüdisches Leben führen zu müssen. Aber wir haben gesehen, dass wir hier nicht vom Regen in die Traufe kommen sollten. Wir müssen die Gebote Gottes neu studieren und beten, dass wir durch den heiligen Geist den Willen Gottes für unser Leben erkennen. Das mosaische Gesetz ist ein reicher Schatz und wir dürfen uns daran bedienen. Selbstverständlich ist es wertvoll die jüdischen Kommentare zu den Geboten zu lesen. Oftmals verstehen wir das Gesetze dadurch besser, da uns vieles aufgrund des fehlenden jüdischen Hintergrundwissens verloren gehen würde. Wir sollten aber scharf trennen zwischen den menschengemachten Geboten und den Geboten Gottes, damit wir nicht wie die Schriftgelehrten damals beginnen die menschgemachten Gebote höher zu achten als den eigentlichen Willen Gottes.